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Pierre Jarawan

In der Mitte zweier Lieder

Pierre Jarawan zum Festspielmotto 2017 „Glaube und Zweifel“

In West-Beirut klingt der Glaube nach Gesang. Er schwingt sich von den Minaretten durch die Gassen, die kurz darauf fast leer sind. In Ost-Beirut klingt der Glaube nach den Glockenschlägen der Kirchtürme, die sich über die Ausgehmeilen erheben. Müsste man ein Lied komponieren, das den Glauben im Libanon spiegelt, es wäre ein Miteinander unterschiedlicher Instrumente, aufs Ärgste dissonant und doch auf seltsame Weise harmonisch.

Das Glauben an eine Tatsache hingegen klingt einheitlicher dort, vor allem bei den Alten. Es äußert sich in der stoischen Überzeugung darin, dass Hindernisse da sind, um überwunden zu werden. Das Zweifeln überlässt man den Jungen. Unter ihnen klingt es im Westen wie im Osten gleich – nach Zukunftsängsten – doch man muss gut hinhören, denn sie werden geflüstert.

Gefühlt klingt der Glaube hier in Deutschland einheitlicher als im Libanon, dafür aber viel leiser. Das Glauben und das Zweifeln hingegen sind hier deutlich lauter zu vernehmen. Sie werden nicht geflüstert, sondern geschrien. Und die Melodie, mit der wir sie spielen, ist emotionaler. All das zu benennen, fällt mir für den Libanon leichter, das liegt am Blick von außen. Der Blick von innen ist schwerer, es fehlt die Distanz, die Übersicht. Also stehe ich in der Mitte zweier Lieder und lausche.


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